Bjorn Schwarte │2. Juli 2026
Amsterdam und das Fahrrad gehören zusammen wie keine andere Stadt der Welt. In kaum einer anderen Metropole spielt das Fahrrad eine so zentrale Rolle im Alltag wie hier. Die Zahlen sprechen für sich: Amsterdam hat fast 980.000 Fahrräder bei rund 950.000 Einwohnern, es gibt also mehr Fahrräder als Menschen in der Stadt. Täglich radeln rund 400.000 Menschen durch die Grachtenstadt, und etwa 40 Prozent aller Fahrten in Amsterdam werden mit dem Fahrrad zurückgelegt. Das Radwegenetz umfasst mehr als 500 Kilometer und ist speziell auf den Fahrradverkehr ausgelegt.
Für Besucher aus Deutschland ist das oft eine Offenbarung: Breite, klar markierte Radwege, Fahrradstraßen, auf denen Autos nur Gäste sind, und eine Verkehrskultur, in der das Fahrrad konsequent Vorrang hat. Amsterdam gilt weltweit als eine der fahrradfreundlichsten Metropolen überhaupt, und wer die Stadt einmal auf dem Rad erkundet hat, will sie nie wieder anders erleben.
In den 1960er und frühen 1970er Jahren sah Amsterdam noch ganz anders aus. Autos dominierten das Stadtbild, Straßen waren auf den motorisierten Verkehr ausgelegt, und das Fahrrad spielte eine untergeordnete Rolle. Dann kam der Wandel, und er kam von unten.
In den 70er Jahren gingen die Amsterdamer auf die Straße. Auslöser war unter anderem die Kampagne "Stop de Kindermoord", gestartet von einem Journalisten, dessen Kind bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Menschen forderten sicherere Straßen, weniger Autos und mehr Platz für Kinder und Fahrräder. Die Proteste wuchsen, die Politik reagierte, und Amsterdam begann sich zu verwandeln.
Seitdem ist das Fahrrad in Amsterdam der König der Straße. Ein besonders schönes Symbol dafür ist der Tunnel unter dem Rijksmuseum: In den 1960er Jahren noch ein Autotunnel, ist er heute ein 110 Meter langer Radweg, der täglich von Tausenden Fahrradfahrern genutzt wird und direkt durch das Herz des Museumsviertels führt.
Die Stadt entwickelt sich bis heute weiter: Ganze Straßen wurden in autofreie Fahrradstraßen umgebaut, und unter dem Hauptbahnhof entstand eine unterirdische Fahrradgarage mit Platz für 7.000 Räder, eine der größten in Europa. Das Auto parkt dort übrigens für 65 Euro am Tag. Das Fahrrad kostenlos.
Wer Amsterdam per Fahrrad erkunden möchte, hat die Qual der Wahl: Dutzende Verleihunternehmen bieten in der ganzen Stadt Fahrräder an. Das niederländische Wort dafür lautet übrigens "Fiets" und dieses Wort werden Sie nach Ihrem Besuch garantiert nicht mehr vergessen.
Amsterdam ist flach, das stimmt. Aber die Stadt ist groß, und wer viel sehen möchte, legt schnell einige Kilometer zurück. Ein E-Bike ist deshalb für die meisten Besucher die bessere Wahl: Sie kommen entspannt ans Ziel, schwitzen nicht und können mehr von der Stadt genießen.
Beim Ausleihen gibt es eine Regel, die Sie unbedingt beherzigen sollten. Amsterdam ist leider auch bekannt als die Stadt mit den meisten Fahrraddiebstählen weltweit. Rund 80.000 Fahrräder werden hier jedes Jahr gestohlen. Deshalb gilt:
In Amsterdam trägt kaum jemand einen Helm. Für normale Fahrräder ist das in den Niederlanden weder vorgeschrieben noch üblich. Als Tourist können Sie natürlich einen tragen, wenn Sie möchten, die Einheimischen werden Sie freundlich grüßen. Besonders für Kinder oder weniger geübte Radfahrer kann ein Helm im lebhaften Amsterdamer Stadtverkehr jedoch durchaus sinnvoll sein.
Alles über die Helmpflicht beim Fahrradfahren in den Niederlanden haben wir ausführlich zusammengefasst.
Das Radfahren in Amsterdam fühlt sich in den ruhigen Seitenstraßen entlang der Grachten entspannt und idyllisch an. Im Stadtzentrum, besonders zur Stoßzeit, kann es für Ungeübte jedoch schnell unübersichtlich werden. Fahrräder kommen aus allen Richtungen, Busse und Straßenbahnen teilen sich die Wege, und jeder scheint genau zu wissen, was er tut. Ein paar Regeln sollten Sie kennen, bevor Sie losradeln.
Die Straßenbahnschienen sind die größte Gefahr für Fahrradfahrer in Amsterdam. Sie verlaufen quer durch die Stadt und können, wenn man schräg drüberfährt, das Vorderrad einklemmen und einen Sturz verursachen. Die Regel ist simpel:
Tempo 30 und respektvolle Autofahrer
Amsterdam hat die Höchstgeschwindigkeit in der ganzen Stadt von 50 auf 30 Kilometer pro Stunde gesenkt, als Reaktion auf steigende Unfallzahlen. Das merkt man: Die meisten Autofahrer fahren langsam und rücksichtsvoll. Das liegt auch daran, dass viele Autofahrer in Amsterdam selbst täglich Fahrrad fahren und daher mehr Verständnis für Radfahrer mitbringen.
Stoßzeiten meiden
Wer entspannt durch Amsterdam radeln möchte, sollte die Stoßzeiten meiden. Morgens zwischen 8 und 9 Uhr und nachmittags ab 17 Uhr ist das Radwegenetz voll mit Pendlern, die es eilig haben. Die besten Stunden für Sightseeing per Rad sind früh morgens oder am frühen Nachmittag.
Reguliersgracht und Prinsengracht
Die Reguliersgracht gilt als eine der schönsten Grachten der Stadt, und wer hier entlangradelt, versteht sofort warum. Spiegelungen im Wasser, alte Giebelhäuser und eine entspannte Atmosphäre machen diese Route zu einem echten Highlight. Wer aufmerksam schaut, entdeckt an den Fassaden der Häuser kleine Symbole, sogenannte Gevelstenen. Sie stammen aus dem 17. Jahrhundert, als es noch keine Hausnummern gab, und erzählen bis heute Geschichten über die einstigen Bewohner. An der Ecke Prinsengracht und Reguliersgracht lohnt es sich kurz anzuhalten und die Aussicht auf die sich kreuzenden Grachten zu genießen.
Brouwersgracht
Die Brouwersgracht ist für viele die schönste Gracht Amsterdams, ruhiger und weniger touristisch als die großen Hauptgrachten. Früher lagerten hier Brauer und Händler ihre Waren in den mächtigen Pakhuizen, den alten Lagerhäusern, die das Stadtbild bis heute prägen. Heute sind viele davon zu stilvollen Wohnhäusern umgebaut. Eine Fahrt entlang der Brouwersgracht am frühen Morgen, wenn die Stadt noch schläft, ist unvergesslich.
Der Rijksmuseum-Tunnel
Wer durch Amsterdam radelt, darf den Tunnel unter dem Rijksmuseum nicht verpassen. Der 110 Meter lange Durchgang führt direkt unter einem der berühmtesten Museen der Welt hindurch und wird täglich von Tausenden Fahrradfahrern genutzt. Am ruhigsten ist es hier an frühen Sonntagmorgen. Wer danach Hunger hat: In der Nähe des Museumsplatzes gibt es einen der bekanntesten Krokettenautomaten der Stadt, ein echtes Amsterdamer Muss.
Unterwegs in Amsterdam entdecken Sie auf den Brücken über die Grachten immer wieder kunstvoll mit Blumen dekorierte Fahrräder. Sie sind ein echtes Wahrzeichen der Stadt geworden und ein perfektes Fotomotiv.
Wer Amsterdam wirklich in die Tiefe verstehen möchte, sollte eine geführte Fahrradtour in Betracht ziehen. Die Stadt steckt voller Geschichten, die man beim Alleinfahren leicht übersieht: Warum sind die Grachten so angelegt? Was bedeuten die Symbole an den Fassaden? Welche versteckten Ecken kennen nur die Einheimischen? Ein lokaler Guide beantwortet diese Fragen und zeigt Ihnen ein Amsterdam, das die meisten Touristen nie zu sehen bekommen.
Geführte Fahrradtouren gibt es für jeden Geschmack: kleine Gruppen für ein persönlicheres Erlebnis, Thementouren rund um Geschichte, Architektur oder Kulinarik, oder individuelle Touren, die ganz auf Ihre Interessen zugeschnitten sind. Besonders empfehlenswert sind kleine Gruppen, da die Straßen und Grachten von Amsterdam eng und verwinkelt sind und große Gruppen schnell unübersichtlich werden.
Bevor Sie in Amsterdam auf das Fahrrad steigen, hier die wichtigsten Tipps zusammengefasst:
Wer einmal in Amsterdam auf dem Fahrrad gesessen hat, versteht sofort, warum die Niederländer ihr Fahrrad so lieben und will die Stadt nie wieder anders erkunden.
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